Wie Totholz entsteht
Ein Baum versorgt nur, was sich rechnet. Äste im Kroneninneren, die von den äußeren beschattet werden, bekommen zu wenig Licht — der Baum stellt die Versorgung ein, der Ast stirbt ab und fällt irgendwann von selbst. Das ist Selbstlichtung und völlig normal.
Anders zu bewerten ist Totholz an der Kronenspitze und im äußeren Kronenbereich. Dort steht der Ast im vollen Licht; stirbt er trotzdem ab, ist die Ursache nicht Beschattung, sondern eine Störung — Wassermangel, Wurzelschaden, Pilzbefall, bei Eschen das Triebsterben. Diese Verteilung ist deshalb einer der aussagekräftigsten Befunde bei derRegelkontrolle.
Wo entnommen wird — und wo nicht
| Darunter liegt | Vorgehen |
|---|---|
| Gehweg, Zufahrt, Stellplatz, Terrasse, Spielfläche | vollständig entnehmen, auch schwächere Äste |
| Dach, Wintergarten, Photovoltaik, Freileitung | entnehmen, angeseilt und kontrolliert ablassen |
| Rasenfläche mit gelegentlicher Nutzung | Starkäste ab etwa Unterarmstärke entnehmen |
| Wildhecke, Beet, ungenutzter Grundstücksteil | stehen lassen — Habitatstruktur |
Bei sehr großen, alten Bäumen gibt es eine dritte Möglichkeit: Ein starker Trockenast wird nicht entfernt, sondern eingekürzt. Der gefährliche Teil kommt weg, der Reststummel bleibt als Totholzstruktur am Baum. Das ist die Lösung, die Verkehrssicherung und Naturschutz gleichzeitig gerecht wird.
Warum Trockenäste nicht heruntergeschlagen werden
Frisches Holz biegt sich, trockenes splittert. Ein Totast bricht nicht dort, wo die Säge ansetzt, sondern dort, wo die Faser reißt — und das lässt sich von außen nicht sehen. Zusätzlich ist die Ansatzstelle am Stamm oft bereits morsch, sodass der Ast beim ersten Zug komplett löst.
Praktisch bedeutet das: Alles, was über etwas Empfindlichem hängt, wird vor dem Schnitt angeseilt. Der Kollege am Boden lässt es kontrolliert ab. Über einem Glasdach ist das kein Aufwand, sondern die Voraussetzung dafür, dass das Glas heil bleibt.
Der Blick vor dem Schnitt
Trockenäste sind bevorzugte Quartiere. Spechthöhlen, Spalten hinter loser Rinde und Astabbrüche mit Höhlung sind besetzt, häufiger als man denkt. Vor der Arbeit sehen wir deshalb nach:
- Höhlungen mit ausgeschliffenem Rand — ein Zeichen für regelmäßige Nutzung
- Kotspuren unterhalb einer Öffnung
- lose Rindenplatten, hinter denen Fledermäuse Tagesquartiere haben
- Nester im Kroneninneren, auch außerhalb der Brutzeit
Ist ein Ast besetzt, bleibt er stehen, bis das Quartier frei ist — oder wird eingekürzt statt entnommen. Das ist keine Kulanz, sondern der Artenschutz, der unabhängig vom Kalender gilt.
Was das mit der Fällfrage zu tun hat
Sehr viele Anrufe, die mit „der Baum ist tot" beginnen, betreffen einen lebenden Baum mit auffälligem Totholzanteil. Der Unterschied ist wichtig: Ein Baum mit dürren Ästen im Inneren ist gesund. Ein Baum mit dürrer Kronenspitze ist in Not. Ein Baum, der komplett abgestorben ist, hat keine Verkehrssicherheit mehr und gehört entfernt.
Welche der drei Lagen vorliegt, klärt sich bei der Besichtigung — und daraus folgt, ob es bei der Totholzentnahme bleibt, ob eine Einkürzung dazukommt oder ob am Ende doch die Fällung steht.